18 April 2026

Alfred Einhorn und die Erfindung von Procain, die die Medizin veränderte

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen auf dem Pharmamarkt Präparate, die die Entwicklung der Medizin maßgeblich vorantrieben. Eine der wichtigsten Erfindungen war Procain, das von dem deutschen Chemiker Alfred Einhorn entwickelt wurde und die sichere Anästhesie in der Chirurgie sowie der Zahnmedizin revolutionierte.

Seine Entdeckung wurde zu einem echten Durchbruch in der Medizin des 20. Jahrhunderts. Sie ermöglichte es Chirurgen und Zahnärzten, Operationen völlig schmerzfrei durchzuführen, während die Patienten eine wirksame und sichere Linderung erfuhren. Obwohl Einhorn selbst weder großen Ruhm noch materiellen Reichtum erlangte, veränderte seine Erfindung die Geschichte der medizinischen Praxis grundlegend. Mehr dazu auf ihamburg.eu.

Ein wenig Geschichte

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Kokain das in der Medizin am häufigsten verwendete Lokalanästhetikum. Es wurde erstmals 1860 von dem deutschen Chemiker und Apotheker Albert Niemann isoliert. Dabei wurde schnell klar, dass Kokain ein Alkaloid mit stark schmerzlindernden Eigenschaften ist. Albert Niemann starb zwar in jungen Jahren, aber seine bahnbrechende Entdeckung wurde von anderen bekannten Wissenschaftlern, Physikern, Chemikern und Apothekern weiter erforscht und genutzt.

In den 1880er Jahren wurde Kokain standardmäßig bei chirurgischen Eingriffen eingesetzt. Bald wurde jedoch deutlich, dass Kokain nicht nur hochwirksam, sondern auch äußerst gesundheitsgefährdend ist. Der ständige Gebrauch der Substanz führte zu schwerer Abhängigkeit, wies toxische Eigenschaften auf und hatte letztendlich eine geradezu zerstörerische Wirkung auf den menschlichen Körper.

In weniger als zehn Jahren wurden bei Patienten etwa 200 Fälle von toxischen Reaktionen auf Kokain registriert. In mindestens 13 Fällen führte dies sogar zum Tod. Es war offensichtlich, dass für den medizinischen Gebrauch dringend nach einer alternativen, sichereren Lösung gesucht werden musste. Daraufhin wurde die Verwendung von Kokain als Lokalanästhetikum schrittweise eingestellt.

Anfang der 1900er Jahre sprach die gesamte pharmazeutische Welt über ein neues Anästhetikum. Entdeckt wurde es von einem gebürtigen Hamburger – Alfred Einhorn.

Die Erfindung von Procain

Alfred Einhorn wurde 1856 in Hamburg in eine Kaufmannsfamilie geboren. Seine Eltern waren wohlhabend und konnten ihrem Sohn eine erstklassige Ausbildung ermöglichen. Nach dem Tod seiner Eltern zog er zu Verwandten. Alfred beendete die Schule in Berlin und studierte anschließend Chemie an der Universität Leipzig, einer der ältesten und renommiertesten Universitäten der Welt. Danach wechselte er an die Universität Tübingen, wo er sein Studium der organischen Chemie fortsetzte und erfolgreich promovierte.

Nach verschiedenen Praktika in mehreren deutschen Städten begann Alfred Einhorn, in seinem eigenen Labor zu arbeiten. Er beschäftigte sich intensiv mit der Entwicklung eines Kokain-Analogons und versuchte, eine synthetische Substanz zu erschaffen, die ein wirksames Anästhetikum darstellte, gleichzeitig aber für den Körper völlig sicher war. Der Chemiker stellte ein ganzes Team von engagierten Studenten zusammen, die unter seiner Leitung arbeiteten. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die molekulare Struktur von Kokain akribisch zu untersuchen, um den genauen Wirkungsmechanismus der anästhetisierenden Komponenten zu entschlüsseln.

Mehr als 10 Jahre harter Arbeit, unzähliger Tests und Experimente brachten schließlich den gewünschten Erfolg. Im Jahr 1904 ließ Alfred Einhorn die von ihm erfundene chemische Zusammensetzung patentieren, die er „Procain“ nannte. Bereits 1905 wurde diese Substanz zu einem Standard-Lokalanästhetikum, das in der Zahnmedizin und Chirurgie sofort breite Anwendung fand. Obwohl die schmerzlindernden Eigenschaften im direkten Vergleich etwas schwächer ausfielen, war die hohe Sicherheit dieser Substanz der absolute Schlüsselfaktor für ihre flächendeckende medizinische Verwendung.

Übrigens kündigte Alfred Einhorn bereits im Jahr 1900 ein „neues Medikament“ an, das Kokain ersetzen könnte. Es stellte sich jedoch heraus, dass die synthetischen Substanzen, die bis dahin entwickelt wurden, immer noch unerwünschte Nebenwirkungen aufwiesen. Alfred Einhorn gab sich damit nicht zufrieden und strebte nach einem absolut perfekten Ergebnis. Er wollte unbedingt sicherstellen, dass das von ihm vorgeschlagene Präparat absolut sicher war und praktisch keine Kontraindikationen aufwies. Daher arbeitete er von 1900 bis 1904 unermüdlich an der Perfektionierung seiner Formel.

Wie ging es weiter?

Einer der ersten, der Procain – das später unter dem Namen Novocain bekannt wurde – in seiner medizinischen Praxis ausgiebig testete, war Heinrich Braun, ein berühmter deutscher Chirurg. Er erprobte die Wirkung der neuen Substanz zunächst mutig an sich selbst, indem er sie in seinen eigenen Unterarm injizierte und die Reaktionen des Körpers genauestens beobachtete. Erst später begann er, Novocain bei der chirurgischen Behandlung anderer Patienten einzusetzen, wofür er weltweite Bekanntheit und große Anerkennung erlangte.

Jahrzehnte später berichteten Heinrich Brauns Kollegen übrigens davon, wie viele Verletzungen und Gewebenekrosen die Haut des Chirurgen tatsächlich aufwies. Er hatte schlichtweg jedes von Chemikern neu erfundene Anästhetikum zuerst an sich selbst getestet und ging erst dann zur breiten klinischen Anwendung von Novocain über, als er zu hundert Prozent von dessen Wirksamkeit und Sicherheit überzeugt war.

Interessanterweise blieb der Name Alfred Einhorn in der Öffentlichkeit weitgehend im Schatten. Den Ruhm, die Ehre und die Auszeichnungen erhielten vor allem die Ärzte, die Novocain in der Praxis anwendeten und damit unzählige Menschenleben retteten. Und den massiven finanziellen Gewinn strichen die großen Pharmaunternehmen ein, die Novocain in verschiedensten Darreichungsformen herstellten und vertrieben. Einhorn arbeitete währenddessen still und bescheiden in seinem Labor weiter. Er war jedoch nicht nur ein erfolgreicher Forscher, sondern machte sich auch als hervorragender Pädagoge einen Namen. Bis zu seinem Lebensende im Jahr 1917 lehrte er als angesehener Professor an der Universität München. Unter seinen Studenten befanden sich viele talentierte junge Menschen, die in Zukunft ebenfalls zu erfolgreichen Chemikern und Wissenschaftlern heranwuchsen.

Heutzutage wird Novocain nach wie vor erfolgreich in der Zahnmedizin eingesetzt, während es in anderen medizinischen Bereichen im Laufe der Zeit häufiger durch Lidocain ersetzt wurde. Lidocain wurde 1943 entdeckt und erwies sich in der Praxis als noch wirksamer. Doch von 1904 bis 1943 galt Novocain unbestritten als absoluter Goldstandard unter allen damals verfügbaren Lokalanästhetika.

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