Im Jahr 1892 erlebte Hamburg eine epidemiologische Apokalypse. Die Stadt, die stolz auf ihren Hafen und ihren Handel war, befand sich im Epizentrum der Choleraepidemie. Tausende Tote, gelähmte Straßen, internationale Verurteilung – all das zwang die lokalen Behörden, die sanitäre Lage nun ohne rosarote Brille zu betrachten. Und hier tritt Bernhard Nocht auf den Plan – ein Arzt mit militärischer Erfahrung, klarem Kopf und anscheinend starken Nerven. Ihm wurde das Schlimmste anvertraut: Ordnung in die Hafenmedizin zu bringen. Alles begann mit der Überprüfung von Schiffen und der Desinfektion von Wasser, aber mit der Zeit wuchsen die Sicherheitsmaßnahmen zu etwas viel Größerem heran – einer Institution, die sich bis heute mit Tropenmedizin beschäftigt und Nochts Namen trägt. Die Errungenschaften des herausragenden Mediziners besprechen wir im Folgenden auf ihamburg.eu.
Die Cholera von 1892: Ein Moment der Wahrheit für Hamburg
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sah Hamburg wie ein typisches Beispiel für eine erfolgreiche norddeutsche Stadt aus – mit Dampfschiffen, Börse, der Illusion des Fortschritts und… fast völligem Fehlen eines modernen Wasserversorgungssystems. Die Kanalisation funktionierte nach dem Prinzip „irgendwie wird es schon gehen“, Trinkwasser wurde ungefiltert aus der Elbe entnommen, und der Stadtrat ignorierte jahrelang die Ratschläge der Anhänger strikter Hygiene. Fehlte das Verständnis? Hielt man es für Fanatismus? Wer weiß. Damals gab es noch keine Einrichtungen wie die Asklepios Klinik St. Georg.

Als im Sommer 1892 die Menschen massenhaft erkrankten, verstanden viele nicht sofort, womit sie es zu tun hatten. Aber die Cholera wartete nicht. Innerhalb weniger Wochen erreichte die Zahl der Toten fast neuntausend. Die Stadt verlor die Kontrolle über die Situation – und gleichzeitig ihren Ruf. Hamburg geriet in Isolation, und in den Zeitungen erschienen wütende Texte über den „europäischen Hafen ohne Hygiene“.
Genau diese Katastrophe zwang die Behörden schließlich, anzuerkennen: Man musste etwas mit der Medizin tun. Nicht punktuell – sondern auf Systemebene. An die Spitze der Veränderungen stellte man eine Person, die bereits wusste, wie große Infektionen in geschlossenen Umgebungen funktionieren. Einen Flottenarzt, der auf See nicht nur eine Epidemie erlebt hatte. So kam Bernhard Nocht in die Stadt.
Wer war Bernhard Nocht und welche Rolle spielte er in Hamburg

Bernhard Nocht wurde 1857 in Schlesien geboren, aber die eigentliche medizinische Praxis erlernte er nicht in Universitätshörsälen, sondern auf Schiffen. Er war Militärarzt der Kaiserlichen Marine – also jemand, der nicht nur Rezepte ausstellt, sondern die Besatzung in den Tropen rettet, Ruhr in engen Kabinen behandelt und überlegt, wie Malaria nicht von einer Kolonie in die nächste eingeschleppt wird. Und diese Erfahrung erwies sich als äußerst nützlich, als man in Hamburg entschied: Hafeninfektionen benötigen keinen Beamten, sondern einen Feldkommandanten im weißen Kittel.
Im April 1893 wurde Nocht offiziell zum Hafenarzt ernannt. Sein Zuständigkeitsbereich umfasste alle Schiffe, die in Hamburg ankamen, die Besatzungen, die Fracht, die Anlegestellen – kurz gesagt, alles, was „einschleppen“ konnte. Er organisierte sanitäre Inspektionen von Schiffen, Dokumentenprüfungen, Quarantänen, Wasserdesinfektion und schuf ein Meldenetz für verdächtige Symptome unter Seeleuten. Nocht dachte groß und beschränkte sich nicht auf Formalitäten: Der Hafen sollte wirklich sicher werden.
Es wird gesagt, dass genau in diesen Jahren die Idee in ihm aufkam – eine medizinische Einrichtung zu gründen, die sich mit allem befasst, was die Tropenmedizin damals beschäftigte: von Malaria bis Gelbfieber. Aber zuerst musste er die Hamburger Beamten davon überzeugen, dass Medizin auch zur Infrastruktur gehört. Und er tat es.
Das Institut, das im Hafen begann

Am 1. Oktober 1900 wurde in Hamburg das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten eröffnet – das erste in Deutschland und eines der ersten weltweit zu dieser Zeit. Es lag buchstäblich nur wenige Schritte vom Hafen entfernt, auf einem Hügel mit Blick auf den Fluss, quasi eigens dafür, jedes Schiff, das in den Hafen einfuhr, sehen zu können. Zum Direktor wurde natürlich Nocht ernannt – nicht weil er der Initiator war, sondern weil das Institut ohne ihn schlicht nicht entstanden wäre.
Die Einrichtung hatte recht klare Aufgaben: Erforschung tropischer Infektionen, Ausbildung von Ärzten für die Arbeit im Ausland (hauptsächlich in den Kolonien), medizinische Versorgung von Seeleuten, Kontrolle von Krankheiten, die mit Fracht oder Passagieren nach Hamburg „kommen“ könnten. In der Praxis entwickelte sich das Institut jedoch zu etwas viel Umfassenderem – es wurde zu einem Hub, in dem Wissenschaft, Praxis und Politik in der täglichen Routine des Kampfes gegen Infektionen zusammentrafen.
Schon nach wenigen Jahren gewann die Einrichtung an Ansehen: Hierher kamen Studierende aus dem gesamten Reich und später auch aus dem Ausland. Im Institut wurden Impfmethoden entwickelt, Malariaerreger erforscht und neue Medikamente getestet. Dabei bestand Nocht auf dem „Drei-in-Eins“-Modell: Forschung, Behandlung, Lehre. Alles unter einem Dach, wie man heute sagen würde – auf einer Plattform.
Und unser Held kümmerte sich auch um die Öffentlichkeit: Er veröffentlichte regelmäßig Berichte, kommunizierte mit der Stadtverwaltung, schrieb Artikel für Fach- und breite Publikum. Im Jahr 1942 wurde das Institut ihm zu Ehren offiziell umbenannt – in Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Und dieser Name ist bis heute erhalten geblieben.
Medizin zwischen Kolonialismus und Wissenschaft
Im 21. Jahrhundert sind wir es gewohnt, unbequeme Fragen zu Biografien der Vergangenheit zu stellen – und die Geschichte Bernhard Nochts ist hier keine Ausnahme. Denn die Tropenmedizin zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte nicht in einem sterilen Vakuum der Wissenschaft, sondern durchaus im Rahmen des Kolonialprojekts. Und selbst wenn Nocht selbst nicht als politisches Sprachrohr des Kaiserreichs auftrat, arbeitete sein Institut an Aufgaben, die von der Zeit diktiert wurden.
Dazu gehörten die Ausbildung von Ärzten für die deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien, die Erforschung von Krankheiten, die vor allem Europäer im Ausland bedrohten und nicht die lokale Bevölkerung, die Beteiligung an medizinischen Expeditionen, die forschendes Interesse mit kolonialer Administration verbanden. Wie im historischen Bericht des Instituts vermerkt, können diese Verbindungen nicht ignoriert werden, obwohl sie im Kontext der Zeit betrachtet werden sollten.
Hier ist es wichtig, weder in die Apologetik noch in die Annullierung zu verfallen. Nocht und sein Team leisteten tatsächlich viel für das Verständnis tropischer Infektionen, sie bildeten Hunderte von Spezialisten aus, führten neue Standards ein. Aber gleichzeitig arbeiteten sie für ein System, in dem die Medizin oft als Kontrollinstrument diente. Und dies ist der Moment, in dem die medizinische Geschichte unerwartet mit der politischen kollidiert.
Die Erinnerung an Nocht: Straße, Institut und stiller Ruhm

Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin arbeitet auch heute noch – in demselben Gebäude über dem Hafen, in derselben Straße, die nun offiziell Bernhard-Nocht-Straße heißt. Daneben befinden sich moderne Büros, das Empire Riverside Hotel, Restaurants. Aber wenn man den Blick hebt, kann man die Fassade mit der vergoldeten Inschrift und dem Wappen sehen – eine Erinnerung daran, wo hier alles begann.
Nocht selbst trat 1930 von seinem Posten zurück und starb 1945. Sein Name blieb in der Stadtgeschichte nicht durch Gedenktafeln oder laute Kampagnen erhalten, sondern vielmehr als Teil der medizinischen Kultur Hamburgs. Über ihn werden selten Filme gedreht, keine biografischen Bestseller geschrieben, aber in deutschen Lehrbüchern ist er präsent – als Arzt, der ein System aufgebaut hat. Und für Fachleute der Tropenmedizin klingt dieser Name praktisch wie eine Marke. Und das hat seine Gründe.
In gewissem Sinne ist sein Vermächtnis nicht so sehr das Institut selbst, als vielmehr der Ansatz: systemisch denken, schnell reagieren, vorausschauend arbeiten. Das, was manchmal selbst im 21. Jahrhundert fehlt. Nun, und diese Geschichte selbst erinnert an etwas, das etwa zur gleichen Zeit im britischen Liverpool geschah: Auch dort gab es eine Choleraepidemie aufgrund schlechter sanitärer Verhältnisse. Auch dort gab es ihre Helden, die die Stadt und ihre Bewohner retteten, darunter Henry Duncan. Und dort entstand auch die weltweit erste Schule für Tropenmedizin.